Erotische Geschichte: Schmetterlinge im Bauch

Erotische Geschichte: Schmetterlinge im Bauch

In der Kolumne „Que(e)rgedacht – Geschichten aus dem Nähkästchen eines Tellerrandtänzers“ erzählt Ben Albers abwechslungsreiche sowie spannende Anekdoten aus seinem Intimleben. Er schreckt bei seinen Betrachtungen auch vor gewichtigeren Fragen des Lebens nicht zurück. Von amüsanten Bettgeschichten bis zu tiefgründigen Erlebnissen – Ben lässt dich gern an seinen Gedanken teilhaben.

Grosse Erwartungen

Mit jedem Schritt, den ich die Treppe weiter hinuntergehe, wird das Pochen in meiner Brust lauter. Ich bin aufgeregt. Meine Erwartungen, den heutigen Abend betreffend, sind gewaltig. Das liegt vor allem daran, dass Frederick in den Tausenden von Nachrichten, die wir uns seit drei Tagen hin und her geschickt haben, sehr smart und sympathisch gewirkt hatte.

Ich möchte diesen Kerl kennenlernen. Wirklich kennenlernen. Es geht nicht um schnellen Sex wie bei seinen Vorgängern. Nicht um das kurzfristige Befriedigen meines noch immer gut gehüteten Bedürfnisses. An Frederick reizt mich die Person, die sich hinter seinem tätowierten, athletischen Körper versteckt. Zwar muss ich gestehen, dass mich auch dieser nicht gänzlich kalt lässt – zumindest nicht das, was ich bisher auf seinen Fotos erblicken durfte – doch waren es am Ende eben vor allem Fredericks Worte, die meine Begeisterung für ihn geweckt haben.

Bestimmt, aber nicht aufdringlich

Schwungvoll öffne ich die Haustür und schaue auf die Strasse. Sie ist leer. Weiter entfernt rollt eine U-Bahn vorbei und im Hostel nebenan lacht eine Gruppe von Backpackern auf. Wo ist Frederick? Hatte er nicht eben noch geschrieben, er wäre gleich da? Und dann das Klingeln an meiner Haustür. Während ich gedankenversunken geradeaus blicke, spüre ich eine Bewegung zu meiner Rechten. Ich drehe mich um und blicke in das strahlende Gesicht von Frederick. „Ich hab‘ noch kurz mein Fahrrad angeschlossen“, sagt er und küsst mich eine Sekunde später bereits zart auf den Mund. Mein Herz rutscht in die Hose. Wie kann er das nur tun? Wir kennen uns doch gar nicht! Doch fühlt sich diese kurze intime Berührung unserer Lippen derart vertraut an, dass ich wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen beginne.

„Ähm, also, äh, wollen wir jetzt was trinken gehen?“, stammele ich. „Dafür bin ich hier“, witzelt er. Plötzlich ist sämtliche Angst, irgendjemand könnte mich und Frederick sehen und somit mein normkonformes, heterosexuelles Leben infrage stellen, gänzlich vergessen. Mir ist es schlichtweg egal, was andere denken könnten, weswegen ich auch beschliesse, Frederick mit in meine Lieblingskneipe zu nehmen, anstatt ihn in irgendeiner halbdunklen Kaschemme zu verstecken.

In rotes Licht getaucht

Wir sitzen uns gegenüber. Frederick hat ein Bier bestellt, ich hingegen trinke Wein. Begeistert erzählt er von seinem Beruf als Visagist, während ich das Funkeln in seinen Augen bewundere. Noch immer spüre ich den Kuss von eben auf meiner Haut und fahre mit meiner Zunge über die Unterlippe. Stundenlang reden wir über Gott und die Welt. Langeweile oder unbequeme Situationen des Schweigens kommen nicht auf. Unsere Umgebung ist in ein schummriges rotes Licht getaucht, in dem Fredericks markante Konturen noch stärker zur Geltung kommen. Dieser Mann ist unglaublich schön.

Ich wandere mit meinen Augen über die vielen Bilder auf seinen Armen. Welche Geschichten sie wohl erzählen? „Trinken wir noch ein Bier oder soll ich dich nach Hause bringen?“, fragt Frederick. Seine Stimme ist wie Balsam für meine Seele und obwohl ich ihm gern die ganze Nacht weiter zuhören würde, komme ich zu dem Schluss, dass es besser wäre, zu gehen. Vielleicht, weil da noch ein paar Restzweifel sind, ob ich wirklich bereit bin, einen Mann zu daten. Seltsam, dass es dem Verstand derart schwerfällt, einfach loszulassen.

Endorphinrausch

Vor der Kneipe ist es dunkel. Frederick schliesst sein Fahrrad von einem Laternenmast ab und wir laufen los. An der Kreuzung, an der ich abbiegen müsste, um nach Hause zu gelangen, halte ich ein. „Es war ein schöner Abend“, sage ich. „Hast du vergessen? Wir sind noch nicht bei dir. Ich bring dich aber. Hatte ich doch angedeutet.“ Frederick wirkt wesentlich gefestigter als ich. Statt mit einem „Ok“ zu antworten, beuge ich mich nach vorne, greife sein Gesicht und küsse ihn. In mir explodiert es. Die Schmetterlinge in meinem Bauch beginnen, hastig zu flattern, und ich spüre, wie Fredericks Zunge sich vorsichtig in Richtung der meinen bewegt.

Gleichzeitig steigt mir der Geruch seines bittersüssen Parfums, das mir schon in der Kneipe den Kopf verdreht hatte, in die Nase. Dieser Moment wird sich in mein Gedächtnis einbrennen. Genauso, als drücke man ein glühendes Prägeeisen auf trockenes Holz. UNVERGESSLICH steht da nun fortan in grossen Lettern. Hand in Hand setzen wir unseren Weg ein Stück fort, nur um erneut stehen zu bleiben und uns zu küssen. Es ist wie einem kitschigen Hollywoodfilm, bis wir unerwarteterweise unterbrochen werden.

Der verwirrte alte Mann

„Liebe muss schön sein. Ich weiss gar nicht, wann ich das letzte Mal etwas wie Liebe empfunden habe.“ Ein älterer Herr steht vor Frederick und mir. Er trägt einen feinen Samtanzug. In Smaragdgrün. Viel zu teuer, um nachts damit durch die Stadt zu laufen. Ein filigranes Einstecktuch schaut aus der Brusttasche. Neben ihm sitzt ein Hund auf dem Boden. „Wie lange kennt ihr euch schon?“ Etwas verwundert übernimmt Frederick das Sprechen. „Seit ein paar Stunden.“, sagt er und blickt zu mir. Ich lächele. „Schau, wie glücklich du ihn machst“, sagt der Mann.

Der Hund schnüffelt derweilen an Fredericks Knien. Als er ihn zu streicheln versucht, verschwindet er hinter seinem Herrchen. „Darf ich euch das hier schenken?“, fragt der Fremde und holt eine kleine Plastiktüte mit zwei Pillen aus seinem Jackett. In mir steigt ein mulmiges Gefühl auf. Der Hund beginnt zu knurren, als ich die Hand des Mannes und das darin befindliche Geschenk zurückweise. Er sieht traurig aus. „Niemand hat je erfahren, dass ich homosexuell bin. Nun bin ich alt und allein.“, seufzt er. „Ihr müsst wissen, dass ich morgen ein grosses Geschäft abschliessen werde. Über mehrere Millionen Euro. Ich werde eine Fabrik verkaufen und möchte euch etwas Geld schenken.“ Verwirrt blickt der Alte ins Leere. „Er ist manisch. Er weiss nicht, was er sagt“, flüstere ich Frederick ins Ohr.

Zu dir und nicht zu mir

„Wir werden jetzt mal weiter.“, geben wir zu verstehen. Die Strasse aber scheint versperrt und wir kehren dorthin zurück, von wo wir gekommen sind. Ich drehe mich noch einmal kurz um und erblicke erneut diese verlorene Seele, die im Licht des Mondes zu erlöschen droht. „Irgendwas an dem Hund war seltsam. Er schien aggressiv. Wir sollten einen anderen Weg wählen, um zu dir zu kommen.“, merkt Frederick an. Doch das tun wir nicht. An jeder neuen Weggablung fallen wir uns in die Arme, drücken und küssen uns. Unsere Finger bleiben eng verschlungen und wir nähern uns Schritt um Schritt nicht meiner, sondern Fredericks Haustür. „Eigentlich mache ich das nicht. Ich nehme nie jemanden beim ersten Date mit zu mir.“ Fredericks Stirn kräuselt sich. „Es gibt für alles ein erstes Mal“, kontere ich. Da sind sie wieder, meine abgedroschenen Sprüche.

In der Wohnung angekommen legt Frederick eine Platte auf. Die Melodien wirken vertraut und ich fühle mich wohl. Ich kann gar nicht wirklich fassen, was ihr gerade passiert. Bin das ich? Oder werde ich ferngesteuert? Frederick zieht mich zu sich und wir machen es uns auf der Couch gemütlich. Unsere Gesichter kommen sich so nah, dass sie zu verschmelzen drohen. Ich spüre Fredericks Körper auf meinem. Das Gewicht, das zuerst einen angenehmen Druck erzeugt, wird zunehmend schwerer, bis ich glaube, nicht mehr richtig atmen zu können.

Als wir ein paar Stunden später im Bett liegen, ist es drei Uhr nachts. Ich blicke aus dem Fenster und sehe die Sterne. Neben mir säuselt der nackte Frederick vor sich hin. Zärtlich folge ich mit meinem Finger einer druckschwarzen Linie, die sich von seinem Kinn bis zum Bauchnabel zieht. Er wacht auf und küsst mich.